7,5 Meter New York in Lienz

„Architektur muss nicht gebaut werden. Sie kann geschrieben, gemalt oder in anderer Form präsentiert werden“, war Star-Architekt Raimund Abraham Zeit seines Lebens überzeugt. Seine Herangehensweise, und seine Sicht auf die Dinge waren immer künstlerischer Natur. Dies spiegelt sich auch eindrucksvoll im Lebenswerk des gebürtigen Lienzers wider, das neben beeindruckenden Bauwerken auch zahlreiche Skizzen und Pläne umfasst, die nie realisiert wurden. Trotzdem füllen sie Buchbände.

Dass eine Vision seiner Gedanken eines Tages den Lienzer Hauptplatz schmückt, also genau jenen Ort, an dem er einst als Kind spielte, ist vor allem für die Sonnenstadt ein Glücksfall, den sie mit wenigen Orten der Welt teilt. Mit Berlin etwa, mit Niagara Falls und seinem Rainbow Plaza. Oder eben mit New York, dem Big Apple.

Anfang der 1990er-Jahre gewann Abraham nämlich zwei Wettbewerbe. Beide wurden umgesetzt: das „Austrian Cultural Forum in Manhattan“ und die HYPO-Bank-Filiale in Lienz. Gemeinsam ist beiden, dass sie nicht nur äußerlich Ähnlichkeiten aufweisen, sondern auch der zur Verfügung stehenden Bauplatz extrem schmal bemessen war: Überschaubare 7,5 Meter, beinahe ein Nichts. Abraham, der in Fachzeitschriften als österreichisch-US-amerikanischer Architekt und Universitäts-Professor von Weltrang gefeiert wurde, löste die Aufgaben mit Bravour.

Beide dieser kulturellen Schöpfungen waren zwar durchaus umstritten. Noch mehr wurden sie jedoch bewundert. In New York zählt sein Werk mittlerweile zu den fünf wichtigsten architektonischen Sehenswürdigkeiten: „Seit Mies van der Rohes `Seagram Building´ und Frank Lloyd Wrights `Guggenheim Museum´ ist nichts mehr von so hoher Qualität gebaut worden“, attestierten ihm Fachkritiker.

Das Lienzer Pendant befindet sich mitten im historischen Ensemble der Lienzer Altstadt. Neben dem Stadthaus des Görzer Grafen und gegenüber dem Stadtschloss der Wolkensteiner. Ein Bau, der mehr als nur eine Fassade bietet, die an einen Schutzschild mit Sehschlitz erinnert. Hier verbindet sich das Flair von Manhattan mit der Natur Osttirols. Das Gebäude zeigt die Gegensätze von Urgestein und den jäh aufragenden Dolomiten, mit einer Talsohle in der Gebäudemitte. Dahinter offenbart sich ein Haus im Haus. Geflutet mit Tageslicht aus seitlichen Schluchten. Die Berge rund um Lienz wurden mit Elementen der Architekturgeschichte zu einem Gebäude verschmolzen, das Seinesgleichen sucht.

Somit hat Raimund Abraham nicht nur den Großstädten dieser Welt ein Meisterwerk geschenkt, sondern auch seiner Heimatstadt. Dort, wo er als Kind so gerne spielte, erinnert nun Architektur von Weltrang an ihn.

7,5 Meter New York inmitten von Lienz
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