Der kulinarische Botschafter aus Lienz hat wieder Hochsaison

Der Lienzer Lebzelt von 1644 - Weihnachtsbäckerei mit historischer Noblesse

 

Was wäre die Weihnachtszeit ohne Weihnachtsbäckereien? Allerlei lokale wie überregionale Köstlichkeiten verleihen dem Fest kulinarisch eine besondere Note. Auf eine sehr noble Tradition blickt der Lienzer Lebzelt zurück: Seine Ursprünge reichen bis in die Spätzeit der Grafen von Wolkenstein-Rodenegg im 17. Jahrhundert.

Honig, Preiselbeeren, mediterrane Gewürze & "Die Anbetung der Könige" (1644)

Der heute von den heimischen Bäckermeistern Joast, Glanzl und Gruber nach alter Rezeptur hergestellte Lebzelt mit echtem Bienenhonig ist gefüllt mit Osttiroler Preiselbeeren. In seinem Geschmack ist er veredelt durch eine erlesene Gewürzmischung aus Zimt, Nelken, Koriander, Muskatnuss, Anis, Ingwer und Fenchel. Anklänge an mediterrane Backtraditionen sind hierbei unverkennbar. Auf der Oberseite ist er – der Tradition Jahrhunderte zurückreichender „Gebildbrote" folgend – mit einem Kunstwerk der besonderen Art geschmückt: Auf einen Model von 1644 zurückgehend, wird das beliebte weihnachtliche Motiv der Anbetung der Heiligen Drei Könige in einem Abdruck in Marzipan gezeigt. Wie in der Bibel (Matthäus-Evangelium) beschrieben, sind drei Weise aus dem Morgenland, einem leuchtenden Stern folgend, nach Bethlehem gekommen, um das Jesukind anzubeten.

Lebzeltmodel: Kunst in Kuchenform

Die künstlerisch wertvolle Darstellung in renaissancehaft-frühbarockem Stil ist negativ und seitenverkehrt in einen Block aus Birnenholz geschnitzt. Die Dreikönigsdarstellung, von einem Laubkranz eingerahmt, besitzt den ansehnlichen Durchmesser von ca. 23 cm. Die Backform, der Model, wurde von einem nicht mit Namen bekannten Künstler angefertigt und mit „1644“ datiert. Als Hinweis auf Lienz darf das mehrfache Aufscheinen einer fünfblättrigen Rose gelten, wie sie das ursprüngliche Wappen der Lienzer Bürgerschaft zeigt.

In der Sammlung von Lebzeltmodeln im Museum der Stadt Lienz auf Schloss Bruck, der ehemaligen Residenz der Grafen von Görz, befinden sich noch weitere Motive im Umkreis des Weihnachtsfestes wie St. Nikolaus (18. Jahrhundert) oder der Krampus (19. Jahrhundert). Natürlich gab es nicht nur in der Weihnachtszeit Bildgebäcke, sondern auch zu den verschiedensten Anlässen. Der Reichtum an Motiven umfasst die höfische Welt, Brauchtum, Liebe/Ehe, Blumen- und Pflanzenwelt usw.

Lienzer Lebzelt: Der Weihnachtsgenuss von Adel & Bürgertum

Auftraggeber für die Anfertigung kunstvoller Backformen waren in der Regel die städtischen Lebzelt-Bäcker. Bezeichnend für eine weit zurückreichende Tradition ist die Tatsache, dass für Lienz seit dem 17. Jahrhundert mehrere Dynastien von Lebzeltern nachweisbar sind; sie genossen weit über die Region hinaus hohes Ansehen. Der Genuss der Brauchtumsgebäcke war zur damaligen Zeit freilich eine höchst exklusive Angelegenheit, die neben dem Adel vornehmlich dem gehobenen Bürgertum vorbehalten blieb.

Sonnenstadt Lienz: Hier beginnt der Süden - auch bei der Weihnachtsbäckerei!

Die klassische Lebzelterei, d.h. die Verarbeitung von Honig sowie Bienenwachs, war über klösterliche Traditionen der frühen Neuzeit nach Osttirol gekommen. Dabei wurden auch Einflüsse aus der mediterranen Küche aufgenommen.

Die Kunsthistorikerin Renate Vergeiner (Univ. für Angewandte Kunst / Wien) hat sich intensiv mit der kulinarischen Geschichte der heute 12.000 Einwohner zählenden Bezirkshauptstadt am Fuße der Lienzer Dolomiten beschäftigt und vor Jahren ein >>Alt-Lienzer Kochbuch<< mit Rezepten aus verschiedenen Jahrhunderten herausgegeben. Ihr Resümee: "Die Lienzer Küche zur Zeit der Görzer und Wolkensteiner Grafen war absolute 'Cuisine'. Man wusste zu leben!" Die Herrschaft der Görzer Grafen im südlichen Alpenraum, die bis nach Italien reichte, haben Lienz zu einem urbanen Zentrum gemacht, das in kulturellen aber auch kulinarischen Angelegenheiten von anderen Zentren der Zeit vieles übernahm.

Dank weitverzweigter Handelsbeziehungen, zu denen auch Gewürzimporte (Safran etc.) aus Italien und Frankreich zählten, hatte die Kultur der Lienzer Bürger neben regionalen Traditionen stets auch eine internationale Ausrichtung. Davon zeugen nicht zuletzt die Namen mancher Gerichte. So ist im >>Alt-Lienzer Kochbuch<< u.a. ein Mandelsulz-Rezept mit dem Namen >>Plamischä<< überliefert: dabei handelt es sich ganz offenkundig um eine umgangssprachliche Schreibweise des französischen >>Blanc-manger<<.

Der Lienzer Lebzelt ist bis heute Ausdruck der weltgewandten Lienzer Küchentradition, in der mondäne Vielfalt und regionale Verankerung Hand in Hand gehen!

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